„Das ist deren rassistische Strategie“ – Wie Deutsche Bahn und Bundespolizei für „Ordnung“ sorgen

gleichzeitig erschienen in ak – zeitung für linke debatte und praxis / Nr. 500 / 18.11.2005

von Kamil Majchrzak

Als Jean-Paul einen Ausflug nach Frankfurt (Oder) unternahm, um dort seinen Freund zu besuchen, konnte er nicht ahnen, dass die Reise im Regional-Express Nummer 38020 an diesem sonnigen Oktober-Samstag zu einem Albtraum werden würde. Kurz hinter Erkner kam der Schaffner und kontrollierte die Fahrscheine. Jean-Paul zeigte sein Wochenendticket. Dann kam die Bundespolizei (früher BGS). Insgesamt neun BeamtInnen waren daran beteiligt, den Studenten am Berliner Ostbahnhof in erniedrigender Weise aus dem Zug zu zerren.

Hauptmeister Grabs spricht von einem „Fall von versuchtem Betrug und Erschleichung von Leistungen“. Jean-Paul hatte vergessen, seinen Namen in das Wochenendticket einzutragen. Der Zugführer hatte deshalb die Bundespolizei gerufen – „schließlich handelt es sich um einen Ausländer“ -, und so waren die Rollen bereits verteilt. Die angerückte bewaffnete Abteilung war an einer Aufklärung des Sachverhalts nicht mehr interessiert. Die Bundespolizei forderte den Mann auf, den Zug zu verlassen. Der wollte jedoch den Fall erst geklärt wissen. Dann gingen die PolizistInnen auf ihn los und traktierten ihn mehrmals mit Pfefferspray.
Der Einsatz in dem Waggon dauerte fast eine halbe Stunde. Die BeamtInnen verdrehten Jean-Pauls Hände, drückten ihn zwischen die Sitze und schlugen auf ihn ein. Dann legten sie ihm auf dem Rücken die Handschellen an. Er schrie vor Schmerzen, konnte nicht mehr atmen. Ein Beamter sprühte ihm dann das Gas noch ein Mal von unten direkt ins Gesicht. „Der hat bestimmt keinen Ausweis“, brummte ein Fahrgast. Ein polnischer Student aus Frankfurt (Oder) protestierte gegen die Gleichgültigkeit der Fahrgäste, die sich anscheinend durch die Schmerzensschreie des Opfers belästigt fühlten. Ein anderer Passagier meinte kurz: „Ein Illegaler“. Kein Mensch ist illegal! Auch Jean-Paul nicht, er hat einen Namen, ist 29 und studiert Lebensmitteltechnik an der Technischen Universität in Berlin. Er besitzt auch eine unbefristete Aufenthaltserlaubnis. Ändert dies etwas an dem Sachverhalt? Jean-Paul hat ein anderes Problem: Er kommt aus Kamerun und ist schwarz.

Der Student wird dann aus dem Zug herausgetragen und auf den Bahnsteig des Ostbahnhofes geworfen. Sein Gesicht ist verweint, aus seiner Nase quillt Schleim, er ist wegen des Pfefferspray-Einsatzes in Atemnot. Auf dem Bahnsteig 6 stehen mehrere wartende Bahn-Angestellte. Eine Frau aus dieser Gruppe ruft: „In Frankreich hätte man mit dem gar nicht so lange gezappelt!“ Ein junger Medizinstudent protestiert gegen diese Behandlung: „Ich habe noch nie einen Menschen gesehen, der wegen eines Wochenendtickets so brutal misshandelt wird!“

Jean-Pauls weißer Pullover ist blutverschmiert, die Hose und eine Kette sind zerrissen, Blut fließt aus seinem Ohr. Dann bringt endlich jemand einen Rollstuhl. Wir fahren auf die Wache, dort werden die Personalien des Kameruners noch einmal kontrolliert. Jean-Paul wird von einem Arzt untersucht. Dieser attestiert die Verletzungen an den Armen, am Ohr und dem linken Knie. Nachdem der Pass noch einmal überprüft worden ist, darf Jean-Paul endlich gehen.

Helga Seyb von der Bildungs- und Beratungsstelle gegen Rassismus „Reachout“ kennt ähnliche Fälle aus ihrer Praxis: „Seit 2003 haben wir in einer Studie allein in Berlin mehr als 30 analoge Sachverhalte dokumentiert. Die Menschen werden nach äußeren Merkmalen ,kontrolliert`. Man kann davon ausgehen, dass die ,Kontrolle` anders verlaufen wäre, wenn Jean-Paul keine schwarze Hautfarbe gehabt hätte. Die PolizistInnen nehmen bereits kritisches Nachfragen der Opfer, warum denn gerade sie einer Personenkontrolle unterzogen werden, als Anhaltspunkt für deren vermeintlichen Widerstand.“

Dass dies kein Einzelfall ist, berichtet auch Michal. Er ist aus Solidarität aus dem Zug gestiegen und hat sich demonstrativ neben den gefesselten Jean-Paul auf den Bahnsteig gesetzt: „Ich wurde im Juni vor drei Jahren am Ostbahnhof ähnlich misshandelt,“ erzählt er. „Damals meinte die Schaffnerin der Aufdruck ,Semesterticket` sei auf meinem Studierendenausweis schlecht lesbar. Ich fuhr in einer Gruppe Studierender aus Südeuropa. Die Schaffnerin hat mir auch meinen Pass nicht zurückgeben wollen. Ich rief die Polizei von meinem Handy an. Doch statt der Polizei, die den Fall klären sollte, kam der BGS und forderte mich auf auszusteigen. Die Schaffnerin sekundierte diesen, indem sie mir drohte, ich müsse sonst den anderen Fahrgästen wegen der Verspätung die Anschlusszüge bezahlen.“

Dem Doktoranden warf man damals prompt Erschleichen von Leistungen, Betrug und Beleidigung der Beamten vor. Doch sein Ticket war gültig, was die Universitätsverwaltung auch nachträglich bestätigte. „Das Verfahren gegen mich wurde durch die Amtsanwaltschaft Berlin gegen Zahlung von 150 Euro eingestellt. Das ist deren rassistische Strategie. Erst prügeln und demütigen sie dich, und dann sagen sie, du bist ein Betrüger oder hast sie beleidigt.“

Kamil Majchrzak

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