Das Gefängnis ist Elimination

Philippe Maurice, Paris-Barbès, Foto: Laurent Hazgui
Philippe Maurice, Paris-Barbès. Foto: Laurent Hazgui

gleichzeitig erschienen in Analyse und Kritik # 511 vom 17.11.2006

Gespräch mit dem Historiker und ehemaligen Strafgefangenen Philippe Maurice. Das Gespräch führten Emmanuelle Piriot und Kamil Majchrzak

Philippe Maurice, Historiker an der École des Hautes Études en Sciences Sociales in Paris, wurde 1980 wegen Mordes an einen Polizisten zum Tode verurteilt. Staatspräsident François Mitterrand begnadigte ihn ein Jahr später und verwandelte seine Strafe in lebenslange Haft. Im Jahr 2000, nach insgesamt 23 Jahren Knast, wurde Maurice aus der Haft entlassen. In seinem Buch „De la haine à la vie“ („Vom Hass zum Leben“) beschreibt er die Geschichte eines Jungen aus den Pariser Banlieues, der seinem Bruder beim Ausbruch aus dem Gefängnis hilft und auf der Flucht einen Polizisten tötet. Das Gefängnis hat Philippe Maurice nicht gebrochen. Er fing dort an zu studieren und verteidigte seine Dissertation – ein extremer Ausnahmefall. 25 Jahre nach Abschaffung der Todesstrafe in Frankreich spricht er über den Irrsinn des Gefängnissystems.

Frage: Sie wurden vor 26 Jahren zum Tode verurteilt. Wie kam es dazu?

Philippe Maurice: Im Jahr 1977 – ich war 20 Jahre alt – wurde mein Bruder wegen kleinerer Delikte verurteilt und wollte aus dem Gefängnis ausbrechen. Ich habe ihm dabei geholfen. Er wurde wieder festgenommen. Er wollte ein zweites Mal ausbrechen, ich wollte ein zweites Mal versuchen, ihm zu helfen. Inzwischen geriet ich in die Welt der Delinquenz. Ich bin in einen Falschgeldring eingestiegen. Ich hatte 15.000 falsche Francs, damals vier Monatslöhne eines Buchhalters. Eine kleine Summe also. Ich wurde deswegen festgenommen und zu fünf Jahren Gefängnis verurteilt. Als ich eine Ausgangserlaubnis erhielt, bin ich nicht zurückgegangen. Ich habe mich entschieden, zur Waffe zu greifen und eher mich töten zu lassen als ins Gefängnis zurückzugehen. Mein bester Freund wurde von der Polizei erschossen. Bei einer Schießerei mit der Polizei habe ich dann einen Polizisten getötet. Das war 1979. Ich wurde deswegen in Oktober 1980 zum Tode verurteilt.

Haben Sie bereits damals in politischen Zusammenhängen gedacht?

Nein, überhaupt nicht – wie die meisten Jugendlichen aus den Banlieues damals. Die Kultur und die Politik drangen nicht bis in die Banlieues vor. Meine Mutter hat uns allein erzogen. Sie hatte nur ein großes Ziel: ihre Kinder zu ernähren. Ich habe mich im Knast politisiert, habe angefangen zu lesen, mich für verschiedene Dinge zu interessieren.

Haben Sie damals Gewalt politisch gerechtfertigt?

Ich habe nie die Absicht gehabt, auf Gewalt zurückzugreifen. Aber nachdem mich Gefängniswärter zusammengeschlagen hatten, kam es für mich nicht mehr in Frage, ins Gefängnis zurückzugehen. Lieber den Tod als das Gefängnis. Das heißt nicht, dass ich Selbstmord begehen wollte. Ich war bereit, bis zum Letzten zu gehen. Wenn du bereit bist dich töten zu lassen, achtest du nicht auf diejenigen, die gegen dich sind, die eine Uniform tragen und dich töten können. Noch heute schießen die Polizisten ohne Rücksicht, wenn jemand sich weigert, stehen zu bleiben. Kurz gesagt bedeutete das: sie oder ich. Später glaubte ich, die Gewalt könnte eine Lösung sein. Schließlich habe ich verstanden, dass Gewalt überhaupt keine gute Wahl ist.

Was haben Sie gedacht, als Sie zum Tode verurteilt wurden?

Nichts. Dieses Urteil war zu erwarten. Der Prozess fand in einer besonderen Situation statt. Die Arbeitslosigkeit stieg. Staatspräsident Giscard hatte meinen Fall politisiert. So stand es auch in den Zeitungen, die damals meine Geschichte begleiteten. Dadurch dass dieser Prozess in die Medien kam, sprach man nicht mehr über die Arbeitslosigkeit und andere Probleme. Ende der 1970er Jahre hatte Giscard den Bogen überspannt. Er stand im Verdacht, von einem afrikanischen Präsidenten Diamanten angenommen zu haben. Mehrere seiner Minister wurden auf der Straße erschossen. Der Präsident musste die Aufmerksamkeit auf andere Dinge lenken und benutzte dazu meinen Prozess. Im Gegenzug kämpfte die Linke für die Abschaffung der Todesstrafe. Ich war zwischen diesen beiden Strömungen.

Sie haben 23 Jahre im Knast verbracht. Was passiert dort mit einem Menschen?

Ich wurde im Jahr 1980 zum Tode verurteilt. François Mitterrand hat mich im Jahr 1981 begnadigt. Diese Begnadigung war Mitterrands zweiter politischer Akt nach seiner Wahl. Vor dieser Begnadigung war ich der Meinung, dass für mich alle Mittel erlaubt seien, um zu entkommen. Ich hatte bereits Versuche unternommen. Auch nach der Begnadigung dachte ich nur an Flucht. Ich wollte auf keinen Fall mein ganzes Leben im Knast verbringen. Wer zu lebenslanger Haft verurteilt wird, hat keine Zukunft. Entweder du bringst dich um, oder du findest dich damit ab, oder du denkst nur an Flucht. Während der ersten zehn Jahre war meine Zeit im Gefängnis von einem Gedanken geprägt, ein einziger Fluchtplan. Aber ich glaubte nun nicht mehr, dass ich Gewalt anwenden durfte. Gleichzeitig wurde ich politisch aktiv. Ich beteiligte mich an Aufständen im Gefängnis. Das brachte mir mehrmals Einzelhaft ein. Im Gefängnis dreht man sich selbst im Kreis. Man kann verrückt werden. Zum Glück habe ich das schnell gemerkt. So habe ich in der Zeit, wo ich fliehen wollte, angefangen zu studieren. Ungefähr nach zehn Jahren, als ich verstanden hatte, dass ich vielleicht eines Tages das Gefängnis durch den Haupteingang verlassen könnte – denn viele haben mich unterstützt – habe ich versucht, meinen Lebensweg zu ändern. Es war klar, dass ein Fluchtversuch für mich in einem Sarg enden würde. So habe ich mich vollständig auf das Studium konzentriert.

Aus Ihrer Erfahrung, wozu gibt es überhaupt Gefängnisse?

Offiziell geht es darum, Verbrechen zu bestrafen und die sozial nicht Integrierten zu re-integrieren. Daran glaube ich nicht. Auch wenn ich selbst integriert bin. Meine jetzige Arbeit an der Universität begeistert mich. Aber nur eine Minderheit kehrt nach der Entlassung in ein normales Leben zurück. Die Re-Integrations-Programme sind nichts weiter als ein Vorwand, um sagen zu können: Seht, wie human wir sind! Unsere Gefängnisse sind menschlich! Wir praktizieren keine Elimination! Für mich ist das Gefängnis aber eine Elimination.

Wie funktioniert diese Elimination?

Das ist einfach. Junge Leute kommen in den Knast wegen kleinerer Delikte. Sie machen dort so eklige Sachen durch, dass sie nach der Entlassung nur an eines denken: sich zu rächen. Und während sie nur an die Rache denken, können sie keinen Platz für ein normales Leben schaffen. Sie werden ins Gefängnis zurückkehren.

Wenn Sie sagen „sie machen eklige Sachen durch“, auf wen und auf was beziehen Sie sich?

Es handelt sich um die Gefängniswärter, aber indirekt auch um das ganze System, da die politischen Verantwortlichen und die Abgeordneten ganz genau wissen, was hinter Gittern passiert. Und wenn etwas schief geht, vertuschen sie das. Die Wärter verprügeln die Gefangenen. Sie verwenden alle möglichen Arten von Erniedrigungen. Es gibt legale Methoden: z.B. den ganzen Körper abzutasten. Aber statt zu sagen: „Ziehen Sie sich bitte aus“, hört man: „Los, die Klamotten runter!“ oder: „Los, bück dich und zeig deinen Arsch!“ Dann gibt es noch die anderen Methoden. Du hast Hofgang, und wenn du zurückkommst, findest du das Foto deiner Freundin mit einem großen Fußabdruck auf dem Boden. Eine Kleinigkeit, aber wenn du das jahrelang erleben musst, kannst du das am Ende nicht mehr ertragen. Es nützt nichts, jetzt eine lange Liste der Erniedrigungen vorzustellen. Die menschliche Perversion ist grenzenlos. Ein Gefangener besitzt Rechte. Den Neuzugängen wird aber schon am Knasttor gesagt: „Du hast gar keine Rechte.“

Worauf zielen diese Erniedrigungen ab?

Ich sage „die Wärter“, aber nur eine Minderheit verhält sich wirklich schlecht. Jemand, der sich für soziale Fragen interessiert, wird Sozialarbeiter. Von einem Wärter erwartet man nicht, dass er sich Fragen stellt. Es wird von ihm gefordert, dass er eine Mission erfüllt, die das Menschendasein nicht respektiert. Jemandem auf dem Klo zuzuschauen, unter dem Vorwand, ihn zu überwachen, ist respektlos. Jemandes Briefe zu lesen – was offiziell Teil ihrer Arbeit ist -, ist respektlos. In ganz Frankreich ist die Selbstmordrate in den Gefängnissen am höchsten. Mein Bruder hat sich im Knast umgebracht. Ich bin überzeugt, Gefängnisse haben die Aufgabe, Menschen zu eliminieren. Man spricht über Reintegration, es passiert aber nichts. Es werden Ausbildungsprogramme angeboten, aber für Berufe, für die es keine Interessenten gibt. Was ist der Sinn? Es gibt sowieso keine Arbeit.

Die zweite Begründung für das Gefängnis ist die Strafe. Tatsächlich geht es jedoch um die physische Beseitigung. Wenn jemand für ein Jahr, fünf Jahre oder länger in den Knast kommt und ihm nicht geholfen wird bei der Re-Integration, kann man doch nicht leugnen, dass es um Elimination geht. Die Gefangenen verlassen den Knast, werden erneut straffällig und wandern in den Knast zurück. Das ermöglicht repressiven Politikern wie Innenminister Sarkozy zu sagen: Die Strafen müssen verschärft werden, die Zahl der Polizisten muss steigen, es muss mehr Kontrollen geben.

Regelmäßig werden repressive Gesetze verabschiedet, gegen Gefangene, gegen Terrorismus. Diese Gesetze richten sich gegen individuelle Freiheiten und Menschenrechte. Diese Gesetze können auch von faschistoiden Regierungen benutzt werden, um die Leute daran zu hindern zu rebellieren. Das Allerschlimmste ist, dass fast alle diese Gesetze akzeptieren. Gäbe es keine Gefangenen, würde man sie erfinden. Wer kommt in den Knast? Ohne vereinfachen zu wollen: Es sind eher arme Leute. Wenige Reiche wandern in den Knast. Die Banlieues sind voll von jungen Menschen, die bereits im Knast waren oder dort bald sein werden. Wir haben in den Banlieues 50% Arbeitslosigkeit. Aber essen muss man trotzdem. So schlagen sich die Menschen mit ihren kleinen Geschäften durch. Teilweise befreit das Gefängnis so von den Problemen der Arbeitslosigkeit.

In Deutschland gab es vor einigen Jahren eine starke Antiknastbewegung. Einige dieser AktivistInnen betreuen heute MigrantInnen und Opfer rechter Gewalt. Wie löst man den Widerspruch auf zwischen Straffverfolgung von Tätern ausländerfeindlicher Übergriffe und der gleichzeitigen Kritik an Knästen?

Man kann diese Frage so nicht stellen. Warum gehen die Leute in Knast? Weil sie straffällig geworden sind. Und warum sind sie straffällig? Weil es keine Arbeit gibt und die Leute essen müssen. In Frankreich gibt es ganze Stadtviertel, die nur von Kriminalität leben. Es gibt auch Tendenzen, dass sie ihre kleinen Geschäfte in den Vierteln weiter tätigen, damit sie mit Geld versorgt werden und die Stadt nicht explodiert. Ein perverses System. Wie soll man dagegen wirklich kämpfen? Man müsste das ganze Wirtschaftsystem ändern. Heutzutage werden Arbeiter entlassen, damit die Aktionäre ihre Dividende bekommen. Im Gegenteil dazu sollte man ihre Reichtümer verteilen, allen Arbeit geben, damit alle essen können und darüber hinaus auch das Leben ein bisschen genießen. Dadurch gäbe es weniger Straftäter. Die Verbindung zwischen Armut und Kriminalität ist für mich evident. Darauf kann man natürlich erwidern, es gäbe auch Verbrecher bei Vollbeschäftigung. Wenn ein Junge in die Kriminalität einsteigt, muss man ihm auf der sozialen Ebene helfen, ihm den Irrtum zeigen. Ich glaube stark an die SozialarbeiterInnen. In Frankreich ist ein Sozialarbeiter jedoch für 100 Fälle zuständig. Das heißt anderthalb Stunden im Monat für eine Person. Was kann man unter diesen Bedingungen anfangen? Man braucht Sozialarbeiter die nur vier bisfünf Personen betreuen. Statt mehr Sozialarbeiter einzustellen, erhöht man aber die Zahl der Polizisten. Das ist für mich, was einen Polizeistaat ausmacht. Das Ziel der politisch Verantwortlichen ist, dass eine Minderheit sehr viel Geld verdient. Die Anderen sind überflüssig. Man muss sie stumm halten.

„Wer zu lebenslanger Haft verurteilt wird, hat keine Zukunft. Entweder du bringst dich um, oder du findest dich damit ab, oder du denkst nur an Flucht.“

„In ganz Frankreich ist die Selbstmordrate in den Gefängnissen am höchsten. Gefängnisse haben die Aufgabe, Menschen zu eliminieren. Man spricht über Re-Integration, es passiert aber nichts.“

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