Wrocław – Putzteufel und Kaffeekasse

von Kamil Majchrzak

verändert erschienen in der Jungle World # 15 vom 10. April 2008

In Berlin kennt sie angeblich jeder. Bei der BILD als „illegale Scheibenputzer“ verschrien, beim Tagesspiegel als “Aggresive Putzteufel“ geoutet. Polnische Punks sollen selbst bei den Pennern vom Ostbahnhof wegen ihrem Ampel-Putz-Flash unbeliebt sein. „Sie kommen hierher anstatt bei sich zu Hause (sic!) was zu besetzten“ heißt es vor dem Lidl in der Rigaer Strasse.

Andere behaupten wiederum die Polen sind die letzten die noch authentisch „punks not dead“ sind und durch ihr Straßenbild die Fahne des „Saubermachen ist Scheiße“ hoch halten. Die Autochtonen lassen sich dagegen auch mal zur Jugendweihe mit einer Taxen zur Köpi chauffieren.

Entegegen ihrem schlechten Ruf ist das „Squating“ (engl. Besetzen) in Polen relativ gut entwickelt. Das Ruhrgebiet der BesetzerInnen ist das niederschlesische Wrocław. Hier gab es in den frühen 90er Jahren die ersten Besetzungen, die sich jedoch nicht lange halten konnten. Zentraler Anlaufpunkt ist dort seit einigen Jahren das „Centrum Reanimacji Kultury“. Besetzungen werden in Polen grundsätzlich als Gegenkultur-Projekte organisiert. Eine Folge der steifen und zentralisierten Kulturangebote der 80er Jahre und ihrer anschließenden massiven Kommerzialisierung.
Im Gegensatz zu Deutschland geht es dabei auch nicht darum die Häuser nachträglich zu legalisieren. Besetzt wird ohne viel Brimborium, um sich nicht unnötig auf Konfrontationen einzulassen. Squats werden regelmassig von Bullen im Rahmen angegriffen und der Kaffekasse entledigt. So z.B. in der „Elektro Madonna“ im ansonsten heiligen Częstochowa.

Das „Rozbrat“ in Poznań ist mit seinen14 Jahren das älteste Flagschiff Polens. Squats gibt es in diversen Ausgaben in nahezu jeder Stadt, die auf sich etwas hält. Außer Kraków, das immer anders sein will als Warschau. Die Hauptsstadt war dabei übrigens ein Spätzünder. Bei größeren
Demos kommt selbst der Lauti aus Wrocław. Auch sonst lässt die Logistik zu wünschen übrig. Neben der guten VoKü des Kollektivs „Food not Bombs“ vom „Elba Squat“ ist vor Biergenuss in der Warschauer „Fabryka“ zu warnen. Der Barkeeper rühmt sich das Bier nicht bei Großkonzernen einzukaufen. Die Flüssigkeit mit dem unleserlichen Verfallsdatum wird Palettenweise von einer angeblichen „kleinen Brauerei“ geordert. Diese Chemiefabrik produziert eine Brühe die nach einer Mischung von Strichnin und Maracuja-Brause aus der DDR schmeckt.

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