Archiv für August 2010

Mit 30 schon ein Zombie

Sonntag, 15. August 2010

Was ist aus den Protagonisten der Solidarnosc geworden? Die Verlierer unter ihnen machen für ihr Scheitern eine »jüdische Verschwörung« verantwortlich.

von Kamil Majchrzak

abgewandelt gleichzeitig erschienen in Jungle World Nr. 32, 12. August 2010,  S. 5; Der Freitag # 34 vom 26. August 2010,  S. 12; Graswurzelrevolution # 351 vom September 2010

Das Szenario der jährlichen Gedenkfeiern hat sich seit Jahren nicht verändert. Doch die von der Intelligenzija einst angehimmelten Arbeiter spielen in der Erzählung vom Fall des Kommunismus kaum eine Rolle mehr. Bei den offiziellen Feierlichkeiten am 4. Juni – dem Tag, an dem 1989 die ersten, noch nicht wirklich freien Wahlen in Polen stattfanden – dürfen sie nicht einmal mehr als Komparsen auftreten. Zuschauerplätze stehen nicht zur Verfügung. Aus Sicherheitsgründen.

»Ich will nicht, dass Gewerkschafter mit Solidarnosc-Fahnen auf Polizisten einprügeln und umgekehrt.« Mit diesen Worten rechtfertigte Premierminister Donald Tusk bereits vor einem Jahr, dass die Feierlichkeiten zum »Sturz des Kommunismus« von Gdansk auf die Wawel-Burg in Kraków verlegt wurden. Erst vor kurzem wurde dort der bei einem Flugzeugabsturz in Smolensk verunglückte rechtskonservative Präsident Lech Kaczynski samt Gattin neben den Königen in einem Alabastersarkophag beerdigt. Spielte zum 25. Jahrestag noch Jean Michel Jarre in der Danziger Lenin-Werft seine »Shipyard overture (Indus­trial revolution)«, während Anna Walentynowicz, das Ehepaar Joanna und Andrzej Gwiazda und andere Aktivisten, ohne die es die Solidarnosc nicht gegeben hätte, vor der Werft protestierten, lädt man dieses Jahr zum Mega-Konzert vorsichtshalber nicht in die Werft, sondern nach Katowice ein. Dort soll die deutsche Band Alphaville zum 30. Geburtstag der Solidarnosc ihren Smash-Hit »Forever Young« anstimmen.
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Wer stört den deutschen Rechtsfrieden?

Samstag, 07. August 2010

Polish_farmers_killed_by_German_forces,_German-occupied_Poland,_1943.jpg
Ermordung von Bauern durch deutsche Besatzungtruppen in Polen

von Kamil Majchrzak

gleichzteitig erschienen in Ossietzky # 14/15 (2010).  Erweiterte juristische Analyse im Informationsbrief des Republikanischen Anwältinnen- und Anwältevereins (RAV) # 104 (2010)

Es geschah am frühen Morgen. Gendarmerie, SS und die ukrainische SS aus Galizien umstellten Szczeczyn, ein kleines ostpolnisches Dorf, das sich an einem von Holzwagen zerfurchten Sandweg entlang zog. Als einige Dorfbewohner an jenem 2. Februar 1944 gerade zur Lichtfeier in die Kirche aufgebrochen waren, wurden andere durch Schüsse, Schreie und Gewehrkolben aus ihren Häusern getrieben. Männer wurden sofort erschossen. Frauen und Kinder auf dem zentralen Dorfplatz zusammengetrieben. Die traditionelle Kerzen-Prozession verwandelte sich in eine Feuersbrunst. Winicjusz Natoniewski, einer der Überlebenden, gehört zu der großen Zahl von Menschen in den damals von deutschen Truppen besetzten Gebieten, die als zivile Opfer des Krieges nie Wiedergutmachungsleistungen aus Deutschland bekommen haben. Er fordert nun von der BRD als Rechtnachfolger des Nazi-Reiches ein Schmerzensgeld in Höhe von umgerechnet 250.000 Euro.

Der damals fünfjährige Winek versteckte sich während des Überfalls mit seinem Großvater in einer Erdhöhle. Seine Schwester wurde mit der Mutter auf den mit Leichen übersäten Weg zum Dorfplatz getrieben. Als die Flammen immer näher kamen, schlich sich der Großvater heraus, um zu prüfen, ob die Deutschen abgezogen waren. Der verängstigte Winek hielt es dann auch nicht mehr in dem Versteck aus. Er rannte an dem brennenden Haus seiner Familie entlang und fing Feuer. An Gesicht und Körper erlitt er schwere Brandwunden, die Finger schmolzen zu dicken Knollen zusammen. Zeugen berichteten, wie schrecklich es war, als sich die Haut vom Kopf des Jungen löste.
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