Antifa fürs Vaterland. Zum Jahrestag der Reichspogromnacht leisteten Warschauer Antifaschist_innen einen Treueeid auf den Konsens nationaler Identität

Fot. Maciek Markowski/Na Poziomie/FORUM

»Bóg, Honor, Ojczyzna« – polnische Antifaschist_innen posieren zum Jahrestag der Reichspogromnacht vor dem Denkmal mit der Inschrift »Gott, Ehre, Vaterland«. Fot. Maciek Markowski/Na Poziomie/FORUM

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

von Kamil Majchrzak, gleichzeitig erschienen in Analyse und Kritik # 600 vom 16.12.2014

 

Anlässlich des Jahrestages der Reichspogromnacht rief die Warschauer Antifa am 8. November 2014 zu einer Demonstration unter dem Motto »Gemeinsam gegen Nationalismus« auf. Trotz einiger verbaler Bezüge zu dem Jahrestag pilgerten die Veranstalter_innen ausgerechnet zum Denkmal der Armia Krajowa (AK) und des Polnischen Untergrundstaates.

Deren Verhältnis zum Antisemitismus und ihre aktive Teilnahme an der Verfolgung von Jüdinnen und Juden während des Krieges wurden nach wie vor nicht aufgearbeitet. Am Denkmal wurden Blumen niedergelegt und Kerzen für »unsere Helden« angezündet, wie ein Veranstalter der Antyfaszystowska Warszawa erklärte. Die Soziologin Anna Zawadzka kommentierte dies als Kapitulation vor der herrschenden polnischen Geschichtspolitik: »Gegenwärtig werden die Ideologien, welche die Grundlage des polnischen Nationalismus und Faschismus bilden – Militarismus, Patriotismus und Antikommunismus – unreflektiert durch den polnischen ›Antifaschismus‹ vervielfältigt.«

Dabei beteuerte das Demobündnis, man wolle – an dem antikommunistisch überstrapazierten Denkmal mit der Aufschrift »Gott, Ehre, Vaterland« – gegen Nationalismus demonstrieren, »um der Opfer des Faschismus zu gedenken«. Noch vor einem Jahr erinnerten mehrere Hundert Antifaschist_innen an die Opfer der von deutschen Nazis ermordeten Jüdinnen und Juden. Damals folgten sie auf ihrer Demoroute dem Weg, den die Waisenkinder mit Janusz Korczak beim Abtransport in die Vernichtungslager hin zum Umschlagplatz nahmen.

Viele Antifaschist_innen im In­ und Ausland deuteten dies als Erneuerung der antifaschistischen Bewegung und hoffen auf eine ernsthafte und in der polnischen Antifa bislang ausgebliebene Auseinandersetzung sowohl mit der Shoah und dem herrschenden Antisemitismus als auch mit den eigenen antisemitischen Stereotypen.

Arisierung der Shoah – Kartell des Vergessens
Doch das von anarchistischen Kleingruppen wie 161 Crew, Antyfaszystowska Warszawa, Warszawska Federacja Anarchistyczna und der trotzkistischen Pracownicza Demokracja dominierte Demobündnis entschied sich zur »Zurückgewinnung rechter Denkmäler, um sie als eigene Symbole zu interpretieren«. Strategisch reduzierte die Warschauer Antifa antifaschistische Inhalte auf ein Minimum, um sie herrschenden national­patriotischen Werten anzupassen. Taktisch setzte sie dagegen auf martialische Reviermarkierung durch Black­ Block­Lifestyle und die Verherrlichung ihrer gesellschaftlichen Isolation.

Schon vor der diesjährigen Demo gab es Hinweise darauf, dass bei der Antifa nach dem Desaster der gescheiterten Blockaden des Unabhängigkeitsmarsches polnischer Faschist_innen am 11. November 2011 kein Umdenken stattgefunden hat. (ak 566) Damals endete der Besuch deutscher Antifaschist_innen in Warschau in einer medialen und politischen Katastrophe. Weder die Gastgeber_innen noch die angereisten Antifas haben seitdem Konsequenzen aus dem eigenen Versagen gezogen.

Bereits im Vorfeld der Demo sah sich die Warschauer Antifa anlässlich des Gedenktages des Überfalls Deutschlands auf Polen am 1. September 1939 bemüßigt, die Erinnerung an die Opfer der planmäßigen Vernichtung europäischer Jüdinnen und Juden für ihre patriotischen Zwecke zu instrumentalisieren. Auf ihrem Poster musste ein Bild von in den Tod getriebenen Jüdinnen und Juden nach dem gescheiterten Aufstand im Warschauer Ghetto 1943 für den »heldenhaften« Widerstand der polnischen Streitkräfte im September 1939 herhalten. Doch die Geschichte der Vernichtung der europäischen Jüdinnen und Juden ist nicht die der polnischen Martyrologie und der Mystifikation des verlorengegangenen Vorkriegspolens. Auf den Plakaten der Warschauer Hobby­Historiker_innen stand nicht nur »Wir erinnern an den 1. September«, sondern auch »Und wir erinnern uns an den Dolchstoß vom 17. September 1939«, also den Einmarsch der Roten Armee in Polen. Damit wurde zum einen das antisemitische Ressentiment von der Dolchstoßlegende bedient, zum anderen sah sich die Antifa verpflichtet, es den Nationalist_innen gleich zu tun und am Jahrestag des Einmarsches der Deutschen Wehrmacht vor allem an jenen der Roten Armee zu erinnern.

Von der extremen Rechten wird die Dolchstoßlegende regelmäßig zur Rechtfertigung antisemitischer Morde durch Pol_innen benutzt, so als hätten sie nicht der jüdischen Bevölkerung, sondern sowjetischen Kollaborateur_innen gegolten. Nach dem Überfall Deutschlands auf die Sowjetunion nutzen viele Pol_innen die Gelegenheit, um mit ihren jüdischen Nachbar_innen abzurechnen. So wurden in Jedwabne im Juli 1941 bei einem Pogrom ohne Zutun der Deutschen 1.600 Menschen ermordet.

Generation reaktionäre Reeducation
Nach 25 Jahren ideologischer Reeducation seit 1989 verschließen sich polnische Antifaschist_innen den politischen Realitäten und jenen geschichtlichen Tatsachen, die nicht in die von ihnen verinnerlichte Totalitarismustheorie passen. Ihre Konsequenz aus der Shoah ist nicht etwa die Auseinandersetzung mit Antisemitismus, sondern der Rückzug auf den Mythos eines unverfälschten Anarchismus. So wird der Kronstadtaufstand von 1921 zum Symbol dafür, die Bolschewiki zurückgeschlagen zu haben und zur Rechtfertigung dafür, als Anarchist_innen zu der faktischen Befreiung der Konzentrations­ und Vernichtungslager durch die Rote Armee keine Position

Die polnische Antifa ist bislang nicht bereit, Strategien von Gegendiskursen zu entwickeln, sondern sieht ihr Heil im nationalen Konsens und patriotischer Verklärung. Die feministische Aktivistin Zawadzka erklärt die Hinwendung der Antifa zu nationalistischen Gedenkformen als »verzweifelte Suche nach Anerkennung in der dominierenden Strömung der polnischen Kultur«. Die diesjährige Erinnerung an die Opfer der Reichspogromnacht wich der Ehrerbietung für den Polnischen Untergrundstaat. Die Reaktionen der Warschauer Veranstalter_innen in Internetforen auf diesbezügliche Kritik machen deutlich, dass die unterwürfige Loyalitätserklärung keineswegs ein Arbeitsunfall war. Das nationale Canossa vor das vaterländische Denkmal war offenbar durchdachtes Kalkül und tatsächliches inneres Bedürfnis, um endlich als Teil der nationalistischen polnischen Geschichtspolitik anerkannt zu werden.

Dabei müssten sie eigentlich wissen, dass Kombattanten des Weltverbandes der Armia Krajowa und der faschistischen Nationalen Streitkräfte (NSZ) seit Jahren an dem von polnischen Faschist_innen der Młodzież Wszechpolska und Obóz Narodowo­Radykalny (ONR) organisierten Unabhängigkeitsmarsch teilnehmen. 2013 lieferten sich polnische Antisemit_innen der NSZ mit dem italienischen Faschisten Roberto Fiore von der Forza Nuova auf der Zentralbühne eine Abendserenade. In diesem Jahr feuerte ein Vertreter der Armia Krajowa, im Beisein italienischer, spanischer und ungarischer Faschist_innen, die Massen mit dem Schlachtruf an: »Weg mit dem Kommunismus!«

Dabei kommt der Ideologie des Antikommunismus in Polen längst die Rolle einer Entschuldigung des polnischen Faschismus zu. Darüber hinaus dient sie der Ausschaltung gesellschaftlicher Alternativen und als Disziplinierungsmittel für all jene, die der vorherrschenden Totalitarismustheorie widersprechen. Doch anstatt diese Ideologie zurückzuweisen, schwimmt die polnische Antifa auf der nationalen Welle mit. Solange dies so ist, wird sich die Antifa in Polen aus ihrer selbstverschuldeten Bedeutungslosigkeit nicht befreien.

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